Diagnostik im Mittelalter

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Das Harnglas als Statussymbol

Die Harnschau war im Mittelalter und der frühen Neuzeit eine häufig dargestellte Geste ärztlichen Handelns und zählte zu den wichtigsten und charakteristischen Tätigkeiten des Arztes. Man glaubte, der Harn spiegelte den Gesundheitszustand wider.

In dem kolbenförmigen Uringlas der Harnglasscheibe (lat. matula) wurden 20 Harnfarben unterschieden. Die Farbpalette reichte von kristallklar über kamelhaarweiss, himbeer- oder brombeerrot bis zu fahlgrün und schwarz. Neben der Farbe waren auch die im Harn enthaltenen sichtbaren Teilchen, die Contenta, für die Diagnose von Wichtigkeit. Sie wurden beschrieben als Bläschen, sand- oder kleieartige, blatt- oder linsenartige Niederschläge.

Schließlich gehörte auch die Konsistenz des Harns zu den Kriterien der Analyse. Der Urin wurde als dünn, mittelmäßig oder dickflüssig beschrieben und damit bestimmten Krankheitsbildern zugeordnet.

Harnwahrsagerei und Harn als Volksmedizin

Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich die Auffassung, dass alles, was den menschlichen Organismus betrifft, im Harnglas wie in einem Spiegel zu sehen sei. Daraus resultierten Aberglaube und Missbrauch, die in der Harnwahrsagerei, der Uromantie gipfelten. So wurde z. B. der Harn in einem Glasgefäß in Form eines menschlichen Körpers destilliert. Der Körperteil, an dem sich die Niederschläge absetzten, wurde als Sitz der Krankheit angesehen.

Gleichzeitig wurde der Harn als Arzneimittel gegen alle denkbaren Krankheiten eingesetzt. Texte des 16. Jahrhunderts beschreiben den Harn als therapeutisches Mittel, z.B. bei Nasenbluten: "So jemand von des Esels harn in die Nasen treyft still er den selbigen Blutfluss". Gegen das so genannte Viertagefieber wird in der gleichen Handschrift empfohlen: "So jemand von des Löwen fleysch isset unnd von seinem wasser trincket drey tag lang, so würdt er erlediget vonn dem Fieber 'quartam'".

   
 
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